Glas ätzen – lieber nicht!

Zum Glasätzen gibt es immer wieder kontroverse Diskussionen. Hier findet Ihr die Quellen und Fakten dazu, die Martina für euch im Internet gesammelt hat, damit jeder in der Lage ist, sich selbst ein fundiertes Bild über das Thema zu machen.

Das Thema „Glas ätzen“ verfolgt mich nun schon seit längerem in den unterschiedlichsten Gruppen auf Facebook. Man sieht tolle Bilder von wunderschönen Gläsern, und da kommt natürlich das Verlangen auf, sowas auch mal zu probieren.

Genauso ging es mir vor ein paar Jahren auch. Vom „Wow, wie schön“ über „Das will ich auch“ bis zum Googeln, was man denn dafür braucht, war kein weiter Weg. Schöne neue, digitale Welt!

Aber dann folgte ziemlich schnell die Ernüchterung. Schon vor dem Googeln hatte ich leise Zweifel, wie das denn funktionieren könnte. Zugegeben, das Studium der Lebensmittelchemie liegt einige Jährchen zurück, und viel des Gelernten ist mittlerweile verblasst. Aber was mir immer noch lebhaft vor Augen steht, ist das Kapitel zur chemischen Widerstandsfähigkeit von Glas. Glas ist fast gegen jeden chemischen „Angriff“ beständig – und genau dies wird ja beim Glasätzen gemacht. Die Oberfläche wird nicht mechanisch behandelt, um sie von glatt-glänzend zu matt zu verwandeln, sondern lediglich mit einer Paste bestrichen, die dann dort ihre (chemische) Wirkung entfaltet.

Das Vorgehen ist eigentlich ein genialer Plan und in der Ausführung recht einfach nachzumachen. Schablone schneiden, aufkleben, Paste auftragen, einwirken lassen, abspülen – fertig ist ein tolles Objekt.

Wenn, ja wenn da nicht das Problem wäre, dass ein Stoff, der die ganze Aktion erst möglich macht, ziemlich sicher nicht ohne „Nebenwirkungen“ ist.

Dass allein ein Bestreichen des Glases und das einfache dort Belassen der Substanz das Glas angreift zeigt schon, dass die Inhaltsstoffe der Paste nicht ganz „ohne“ sein können. Besonders, wenn man bedenkt, wie stabil Glas gegen chemische Einflüsse ist.

Vorweg sei gesagt: Ich habe keine Ätzpaste gekauft und auch noch nie damit gearbeitet. Daher beziehe ich mich hier bei allen meinen Angaben auf Berichte, Bilder und Informationen, die man im Internet zum Thema Glas ätzen und die dabei verwendeten Chemikalien findet. Dabei habe ich mich aber bemüht, objektive Aussagen und Quellen zu nutzen, und nicht „schwurbelige“ Angaben zu zitieren. „Ich hab da schon mit gearbeitet und mir ist nichts passiert“ finde ich etwa so aussagekräftig wie „Ich bin schon oft bei Rot über die Straße gelaufen, aber noch nie von einem Auto angefahren worden“. Aussagen, dass die Pasten „total ungefährlich“ sind, findet man natürlich auch im Netz. Solche Aussagen in der Art von „Ich will das aber machen, daher ist das nicht so schlimm, ich lebe ja noch“, oder „Das Produkt ist unschädlich, weil ich das sage, aber Belege habe ich leider nicht dafür.“ sind hier nicht berücksichtigt worden, da sie aus meiner (chemischen) Sicht nicht den Tatsachen entsprechen und für mich ausreichend von Fachseite widerlegt sind. Damit nicht jeder selbst suchen muss, versuche ich hier mal einige Hintergrundinformationen zusammenzustellen, damit Ihr eine Grundlage habt, um selbst entscheiden zu können. Da aber auch selber lesen schlau macht, soll sich dadurch bitte keiner abhalten lassen, darüber hinaus auch selbst weiter nach Informationen zu suchen (aber dabei bitte immer auf die Zuverlässigkeit der Quelle achten!), oder an berufener Stelle nach Informationen zu fragen. In Deutschland für solche Fragen zuständig wäre z.B. das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung), oder das MAGS (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales).

Ich will und kann hier allerdings keinen wissenschaftlichen Artikel schreiben. Dafür müsste ich noch deutlich länger recherchieren und am besten auch gleich die Zusammensetzung der Paste chemisch analysieren und eigene Studien zur Gesundheitsgefährdung machen und auswerten. (Gerade bei Mischungen von Substanzen ist es eigentlich nötig, genau DIESE Mischung zu betrachten, da die einzelnen Inhaltsstoffe Einfluss aufeinander haben). Dazu habe ich aber weder die Zeit noch die Möglichkeiten. Also gibt es hier im Folgenden eine Zusammenfassung der Informationen, die ich gefunden habe und die aus meiner Sicht passende Interpretation dazu. Also meine ganz persönliche Meinung zum Thema. Ohne Anspruch, dass meine Meinung die einzig richtige ist, aber mit der Absicht, dazu anzuregen sich mit dem Thema näher zu beschäftigen, bevor man Glasätzpaste „einfach so“ verwendet.

Soviel der Vorrede. Jetzt ans „Eingemachte“: Wo liegt denn nun aus meiner Sicht das Problem?

Ich habe vermutet, dass in der Paste Flusssäure enthalten sein könnte, oder zumindest ein mit Flusssäure verwandter Stoff. Dies war die erste Stoffklasse, die mir in den Sinn kam, die überhaupt in der Lage ist Glas chemisch anzugreifen. Denn wenn ich mich da vertan hätte und es doch „harmlose“ Stoffe wären, die das Glas ätzen, wären ja alle weiteren Überlegungen hinfällig. Ich habe also zunächst versucht, die Inhaltsstoffe einiger im Netz käuflicher Pasten herauszufinden. Das war nicht ganz einfach, da bei den Angeboten (zumindest denen, die ich von Google angezeigt bekam) nichts dazu aufgelistet war. Auch die Herstellerseiten hielten sich da eher bedeckt. Was meine persönliche Einschätzung zur Sicherheit der Pasten nicht eben positiv beeinflusst hat, denn ich weiß schon ganz gerne, was ich eigentlich in der Hand habe, um dann fundiert entscheiden zu können, wie ich damit umgehe.

Da bei den Angeboten nichts stand, habe ich mir zunächst die Bilder der angebotenen Behältnisse näher angesehen, in der Hoffnung, dass dort etwas zu den Bestandteilen steht. Auf vielen konnte man außer dem Produktnamen nichts entziffern. Bei einer Marke kann man zumindest einen Warnhinweis auf den Behältern gut lesen. Der Warnhinweis steht hier leider nur in Englisch – da das Produkt aus Amerika kommt, ist das zwar nachvollziehbar, wenn auch für diejenigen nicht hilfreich , die kein Englisch verstehen.

Dort steht:
„DANGER: Causes severe burns, causes damage; may be fatal […]
Ages 18 & over“
bzw.
„DANGER: causes burns which may not be immediately painful or visible. May cause permanent damage to skin, eyes, and respiratory tract.
Ages 18 & over“
Für diejenigen, deren Englischunterricht schon länger her ist kommt hier die Übersetzung:  
“GEFAHR: Verursacht schwere Verätzungen, verursacht Gesundheitsschäden; kann tödlich sein […]
Alter 18 Jahre und älter”
“GEFAHR: Verursacht Verätzungen, die möglicherweise nicht sofort schmerzhaft oder sichtbar sind. Kann zu dauerhaften Schäden an Haut, Augen und Atemwegen führen.
Alter 18 Jahre und älter”

Da frage ich mich, warum für einen Verkauf in Deutschland diese Angaben nicht in Deutsch auf dem Behälter stehen. Das sind ja schon Vokabeln, die man im Schulenglisch nicht unbedingt lernt,und wer macht sich wirklich die Mühe, sowas nachzuschlagen, wenn man „nur ein bisschen basteln“ will? Dabei sind die Warnungen jetzt auch nicht so trivial, dass es nicht wichtig wäre, sie zu kennen.

Aber zurück zum Versuch herauszufinden, was drin ist in der Paste.

Für Verätzungen sind in der Regel Säuren oder Laugen und einige wenige andere Stoffe verantwortlich. Die Stoffe, die man allgemein so als „Nichtchemiker“ kennt, verursachen ab gewissen Konzentrationen Verätzungen meist so, dass die Haut sich (sofort) rötet und es brennt, sobald die Substanz die Haut berührt, oder jedenfalls sehr rasch auf die Berührung folgend. Man sorgt also automatisch und sofort dafür, dass die schädliche Substanz so rasch wie möglich und gründlich entfernt wird.

Flusssäure und ihre Verwandten sind da anders – und daher auch deutlich kritischer im Umgang.

Sie haben im Gegensatz zu vielen anderen Säuren genau die im Warnhinweis erwähnten Eigenschaften – nämlich Verätzungen zu verursachen, die man zuerst vielleicht gar nicht bemerkt, die aber gerade deshalb nicht weniger schlimm – im Gegenteil – teils sogar schlimmer sind. Zu Flusssäure heißt es: „Die besonders hohe Lipidlöslichkeit [Anm.: Fettlöslichkeit] der Flusssäure ermöglicht ihr ein rasches Eindringen in die Haut, weshalb Flusssäure als Kontaktgift gilt. Dadurch kann die Flusssäure eine Gewebeschädigung hervorrufen, ohne dass oberflächlich eine wesentliche Verätzung sichtbar wird. Der Schmerz durch die Schädigung kann mit deutlicher Verzögerung eintreten. Die Verätzungen betreffen größtenteils die tieferen Gewebsschichten oder den Knochen. Ein weiterer toxischer Effekt tritt durch die Bindung und Ausfällung von Calcium- und Magnesiumionen ein. Dadurch wird das Elektrolytgleichgewicht gestört und eine Vielzahl von Enzymen gehemmt. Das kann schon bei geringem Kontakt mit Flusssäure zu lebensbedrohlichen Vergiftungen führen.“ ( DocCheck.com )

Ich wollte es aber genau wissen, denn was nun wirklich in der Paste ist, geht ja aus dem Warnhinweis noch nicht hervor. Nach einigem (um genau zu sein, sehr viel) Klicken, habe ich dann Sicherheitsdatenblätter (MSDS, Material Safety Data Sheets) zu zwei Glasätzpasten gefunden.
MSDS Armour Etch
MSDS Etchall
Aus beiden geht hervor, dass die Pasten Ammoniumbifluorid bzw. Ammoniumbifluorid und Natriumbifluorid enthalten (Bei Etchall 18% Ammoniumbifluorid bzw. bei Armour Etch 21 – 27% Ammonium- und 7 – 12% Natriumbifluorid).

Damit war dann geklärt, dass den Pasten zumindest keine freie Flusssäure zugemischt wurde (jedenfalls den beiden hier gefundenen), sondern dass diese „lediglich“ mit Flusssäure verwandte Substanzen enthalten. Das könnte man als Grund zur Beruhigung ansehen, es bedeutet aber keine Entwarnung. Die gesundheitlichen Gefahren durch Ammoniumbifluorid bzw. Natriumbifluorid sind nämlich denen durch Flusssäure sehr ähnlich.

Fluoride sind – chemisch gesprochen – Salze der Flusssäure. Schauen wir uns exemplarisch das Ammoniumbifluorid einmal näher an, da dieses ja in beiden Pasten enthalten ist.

Wer sich auch selbst im Internet ein Bild machen möchte: In der Chemie ist es so, dass eine Substanz gerne auch mal unter mehreren Namen zu finden ist. Je nachdem, welcher „Nomenklatur“ man folgt. Ammoniumbifluorid heißt z.B. auch Ammoniumhydrogendifluorid, saures Fluorammonium, Mattsalz, oder Ammoniumhydrogenfluorid. Es ist ein sogenanntes anorganisches Fluorid. Ich werde der Einfachheit halber im folgenden Text den Stoff mit ABF abkürzen.

Die Formel der Substanz lautet: NH4F *HF. Dröselt man das ein bisschen chemisch auf, haben sich hier also 1 Molekül Ammoniak (NH3) und zwei Moleküle Fluorwasserstoff (HF) in einer sogenannten „Dreizentrenbindung“ „zusammengerottet“ (um es mal ganz flapsig auszudrücken – mein Chemieprof möge mir verzeihen). Es handelt sich um eine sogenannte Additionsverbindung aus Ammoniumfluorid und Hydrogenfluorid. Unter bestimmten Bedingungen (z.B. in stark saurer Lösung, oder unter Hitzeeinwirkung) kann ABF HF (Fluorwasserstoff, ein Gas, welches als Flusssäure bezeichnet wird, wenn es in Wasser gelöst vorliegt) freisetzen.

Manche Quellen (so z.B. ein Informationsblatt von Solvay, einem großen Chemikalien-Hersteller) geben sogar an, dass beim Kontakt mit Wasser oder feuchter Haut aus ABF Flusssäure freigesetzt werden kann. „On contact with water or moist skin, ABF can release hydrofluoric acid, a very dangerous acid.“). (solvay.us ABF)

Damit ist dann auch der Warnhinweis auf den Behältern hinreichend erklärt, der bezieht sich wohl tatsächlich auf Fluoride mit ähnlicher toxikologischer Wirkung wie Flusssäure oder, wenn man die Angaben von Solvay zugrunde legt, womöglich sogar auf freigesetzte Flusssäure.
ABF wird in der Gesundheitsgefährdung ähnlich eingeordnet wie Flusssäure (IFA Gestis Stoffdatenbank Ammoniumhydrogendifluorid_NH4F_HF) Das reicht mir eigentlich schon, um für mich zu entscheiden, dass ich damit nicht außerhalb eines Labors, das entsprechende Sicherheitsvorkehrungen bereitstellt, arbeiten möchte.

Vermutlich wird keiner direkt tot umfallen, nur weil er/sie mal mit der Paste gearbeitet hat. Die Mengen, die verwendet werden, sind zum Glück meist recht gering und dadurch ist man in der Regel nicht so hohen Konzentrationen der Substanzen ausgesetzt, dass akute lebensbedrohliche Situationen eintreten (hoffe ich jedenfalls, es sei denn man löffelt das Zeug oder nutzt es als Gesichtsmaske). Aber ungefährlich ist die Paste aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung auf gar keinen Fall! Und Gesundheitsschäden können gegebenenfalls erst nach längerer Zeit bemerkt werden oder mögliche Schäden sich durch wiederholte Exposition aufsummieren. Untersuchungen dazu gibt es zurzeit wohl (noch) keine. (Zumindest keine, die mir durch einfaches Googeln zugänglich waren.) Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Und nicht nur ich finde die Glasätzpasten bedenklich. Auch an anderer Stelle, nämlich im Kanton Thurgau in der Schweiz, hat man sich schon Gedanken zu den Glasätzpasten gemacht. Im Jahresbericht von 2014 veröffentlichte das Kantonale Laboratorium Thurgau einen Beitrag zu Ätzpasten in Bastelshops. „Viele Produkte zum Glasätzen enthalten ABF. Dieser chemische Stoff bildet Flurowasserstoffsäure, auch besser unter dem Namen Flusssäure bekannt. Flusssäure ist eine farblose, stechendriechende Flüssigkeit. Sie wirkt stark ätzend auf die Haut, die Schleimhäute und die Bindehaut der Augen. Flusssäure wird rasch von der Haut aufgenommen und dringt sofort in tiefere Gewebsschichten ein. Dadurch können Knochen angegriffen werden, ohne dass die Haut äußerlich sichtbar verletzt scheint. Die Verätzungen sind sehr schmerzhaft und führen zu schwer heilenden Geschwüren. Neben der ätzenden Wirkung trägt auch die Giftigkeit zur Gefährlichkeit von Flusssäure bei. Die Fluoridionen blockieren den Calcium- und Magnesiumstoffwechsel und hemmen wichtige Enzyme, was zu akut bedrohlichen Stoffwechselstörungen führt, die nach Organversagen sogar tödlich verlaufen können.
[…]
Die Tatsache, dass akut gefährliche chemische Produkte ohne jegliche Kennzeichnung auf dem Markt sind, zeigt jedoch, dass eine kontinuierliche Überprüfung der chemischen Produkte im Handel durch die Chemikalienkontrolle notwendig und wichtig ist.“ (Jahresbericht_2014 KLT ; Seite 13)

Handschuhe zu tragen ist beim Verwenden der Glasätzpaste sicherlich notwendig. Handelsübliche Handschuhe, wie man sie für den Haushalt findet, bieten aber aus meiner Sicht keinen ausreichenden Schutz. Bei Chemikalien allgemein, und bei Fluoriden im Besonderen, ist es nämlich wichtig, dass das Material und die Dicke der Handschuhe zum vorgesehenen Einsatzzweck passen. „Chemikalienschutzhandschuhe können die Haut nur dann schützen, wenn sie “dicht” sind gegenüber der jeweiligen Chemikalie.“ (Schutzhandschuhe) Je nach Chemikalie und Einsatzzweck braucht man also spezielle Handschuhe aus dem passenden Material in der notwendigen Dicke, damit die Substanz nicht zu schnell das Handschuhmaterial durchdringen kann (das nennt man Permeation; die Zeit, bis die Substanz auf der „anderen Seite“ des Handschuhmaterials ankommt heißt Durchbruchzeit). Ich persönlich möchte mich hier nicht darauf verlassen, dass ein für den Einsatz im „normalen“ Haushalt gefertigter Handschuh immer den Spezifikationen entspricht, die man an einen Handschuh für den Einsatz im Labor und dort zur Arbeit mit Gefahrstoffen anlegen würde, selbst wenn ich meine, dass das angegebene Handschuhmaterial „meines“ Haushaltshandschuhs dem Material entspricht, das für eine bestimmte Chemikalie vorgeschrieben wird. Ist der Handschuh überall gleich dick? Ist er wirklich absolut porenfrei? Wie verhält sich die Dicke beim Dehnen des Materials? Wenn ich den Handschuh anziehe, ist dann gewährleistet, dass der Handschuh nirgendwo „Lecks“ hat…? Im Sicherheitsdatenblatt zu ABF der Bergchemie (ein Chemikaliengroßhandel) (MSDS Bergchemie ABF ) findet sich folgende Tabelle mit Angaben zu empfohlenen Handschuhmaterialien und die notwendige Materialstärke:

In einem Merkblatt der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie zu Fluorwasserstoff, Flusssäure und anorganischen Fluoriden (Merkblatt M 005 Fluorwasserstoff , Seite 34/35) steht weiterhin, dass die TRGS 401 dazu anmerkt: „Wenn die Durchbruchzeit entsprechend der Norm DIN EN 374 Teil 3 bei 23 °C ermittelt worden ist, so ist die maximale Tragedauer unter Praxisbedingungen (bei 33 °C) auf ein Drittel zu kürzen. [Anm.: ungefähre Temperatur, die der Handschuh durch die Körperwärme beim Tragen annimmt]“ „Die Zeitangaben sind Richtwerte aus Messungen bei 22 °C und dauerhaftem Kontakt. Erhöhte Temperaturen durch erwärmte Substanzen, Körperwärme etc. und eine Verminderung der effektiven Schichtstärke durch Dehnung können zu einer erheblichen Verringerung der Durchbruchzeit führen. Je nach Produkt können die Werte abweichen – im Zweifelsfall den Hersteller kontaktieren. Bei einer ca. 1,5-fach größeren/kleineren Schichtdicke verdoppelt/halbiert sich die jeweilige Durchbruchzeit. Die Daten gelten nur für den Reinstoff. Bei Übertragung auf Substanzgemische dürfen sie nur als Orientierungshilfe angesehen werden.“

Die in der Tabelle angegebenen Durchbruchzeiten von 8 Stunden sind also auf jeden Fall schon einmal auf ca. 2,5 Stunden zu kürzen. Wohlgemerkt bei Handschuhen mit einer Materialstärke von mehr als 0,5 mm. Wieviel weitere Kürzung für Dehnung und andere Parameter noch zu berücksichtigen wären, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall müsste noch eine Verkürzung für geringere Materialdicke des Handschuhs berücksichtigt werden, da die normalerweise verfügbaren Haushaltshandschuhe nicht so dick sind, wie in der Tabelle vorgegeben.

Ich habe, da ich bei so kleinen Maßen immer sehr schlecht schätzen kann, mal exemplarisch zwei Haushaltshandschuhe ausgemessen, die ich hier liegen hatte.

Der weiße Handschuh links ist aus so einer „Sammelpackung“ von Einmalhandschuhen, wie man sie im Discounter oder im Baumarkt bekommt (100 Stück). Auf der einen Packung steht „Kein Chemikalien-Schutzhandschuh… Einsatzmöglichkeiten: Essenszubereitung, Geschirrreinigung, Schuhe putzen…“, Material: Naturlatex. Auf einer anderen Packung steht „wasserfester Handschuh gegen geringfügige chemische Gefahren und Mikroorganismen“, Material Nitril.

Der rosafarbene Handschuh rechts ist ein „Haushaltshandschuh aus 100% Naturlatex mit Baumwolle gefüttert“. Einzige Angabe zum Einsatzzweck: Das „Glas-und-Gabel“-Logo für „geeignet für den Kontakt mit Lebensmitteln“.

Bei dem weißen Handschuh ist die Dicke mit 0,05 mm schon einmal jenseits von Gut und Böse. Naturlatex wäre zwar eigentlich nicht schlecht, aber man bräuchte mindestens 10 Handschuhe übereinander, um die notwendige Dicke zu erreichen – und dann würden die äußeren Handschuhe wieder stark gedehnt, was dann wieder zu Unsicherheiten führt, und die Arbeit mit so vielen Handschuhen übereinander ist auch nicht unbedingt sicher, da man kaum noch richtig zugreifen kann. Also meine Meinung hier: absolut ungeeignet, und auch die Hersteller sind da wohl eher der Meinung, dass die Handschuhe im Kontakt mit „härteren“ Chemikalien nichts verloren haben.

Der rosafarbene Handschuh hat (zumindest an der Stulpe) mit 0,29 mm eine Dicke, die schon etwas vertrauenerweckender scheint. Allerdings liegen wir immer noch bei nur gut der Hälfte der laut Tabelle notwendigen Dicke für das Handschuhmaterial. Bedenken muss man dann auch noch, dass das Baumwoll-Futter ja auch einiges an der Dicke ausmacht, so dass man für den Naturlatex-Anteil an der Dicke noch mal wieder einen Teil abziehen muss. Gehen wir mal von vielleicht 1/3 für die Baumwolle aus (ganz grob geschätzt nach Betrachtung auf die Kante), bleiben noch etwa 0,2 mm für den Naturlatexanteil. Also auch viel zu wenig, um eine Durchbruchzeit von 8 Stunden zu gewährleisten. Und damit sind auch diese Handschuhe nicht geeignet. Auch hier gibt der Hersteller ja nur den normalen Hausgebrauch vor.

Ich bin nicht wirklich erstaunt, wenn ich an die echt dicken, schwarzen Handschuhe zurückdenke, die man uns damals im Praktikum gegeben hat, wenn wir wirklich mal in den Raum mussten, in dem mit Flusssäure gearbeitet wurde. (Und da ging keiner gerne rein…). Selbst, wenn hier „nur“ ABF vorliegt wären mir die Haushaltshandschuhe immer noch zu unsicher.

Aber selbst, wenn es gelingt, passende Handschuhe irgendwo aufzutreiben (wo ein Wille ist, ist meist auch irgendwo ein Weg): auch beim Ausziehen dieser Handschuhe und beim Reinigen kann man jede Menge fataler (ja, ich nutze das Wort hier bewusst!) Fehler machen, und dann doch noch mit der Paste in Berührung kommen, falls diese unbemerkt an der Außenseite der Handschuhe klebt. Und wenn man die Handschuhe nicht richtig lagert werden sie womöglich brüchig, und beim nächsten Mal dringt dann doch Paste durch. Auch hier: nichts für mich!

Eine Schutzbrille mit seitlichen Abdeckungen, damit nichts in die Augen spritzen kann, sollte dann übrigens auch zur Ausrüstung gehören. Oder besser gleich noch ein Gesichts-Schild, und möglichst auch ein passender, undurchlässiger Kittel. Behälter mit Flusssäure oder anorganischen Fluoriden können, wenn sie nicht kühl genug gelagert wurden, gerne mal unter Druck stehen, und beim Öffnen spritzt dann Paste raus – und ohne Schutz womöglich direkt ins Gesicht oder die Augen.

Und wer versichert mir, dass man nicht unbemerkt durch die Atemluft etwas aufnimmt, während man bastelt? Lüften ist ja schön und gut, kann aber nie einen Abzug ersetzen, wie er im Labor für die Arbeit mit Fluoriden/Flusssäure verwendet wird. Da ich keine Zahlen dazu habe, wieviel „einatembare Fraktion“ freigesetzt wird, kann ich auch nicht abschätzen, wie hoch die Belastung sein könnte, und ob Konzentrationen erreicht werden, die akut oder chronisch toxisch wären. Laut o.g. Merkblatt 005 liegt der Arbeitsplatzgrenzwert bei maximal 1 mg/m3, berechnet als Fluor. Aber da man im Leben so auch schon genug Belastungen ausgesetzt ist, die man nicht aktiv verhindern kann, nutze ich doch hier gerne mal die Möglichkeit, DIESE Belastung gar nicht erst zu erzeugen.

Und dann sind da noch die „uuups-Momente“, die beim Basteln (vor allem mit dicken Handschuhen) so passieren können, und bei denen man dann trotz größter Vorsicht unabsichtlich doch die Paste auf die Haut bekommt. Ich weiß, sowas passiert natürlich KEINEM, aber will man es wirklich immer komplett ausschließen?

Solange es keine Untersuchungen mit den Glasätzpasten gibt, die belegen, dass die in genau diesen Mischungen vorliegenden Mengen an Bifluoriden bei bestimmungsgemäßem Einsatz gesundheitlich unbedenklich sind, bin ich lieber vorsichtig, glaube den Angaben der GESTIS-Stoffdatenbank zu den Einzelsubstanzen und lasse die Finger davon. (Einige Zitate aus dem Datenbankeintrag zu ABF: „Bei Verunreinigungen der Haut mit staubförmigem oder gelöstem Salz ist von einer dermalen Aufnahme auszugehen. […] Vor allem bei größerflächiger Einwirkung muss – ähnlich wie bei Einwirkung von HF – mit schweren akuten systemischen Effekten gerechnet werden. […] Hauptwirkungsweisen: akut: Reiz- und Ätzwirkung auf Schleimhäute und Haut, Reizung/Schädigung im Verdauungstrakt, Störungen im Herz-Kreislauf-, Muskel- und Nervensystem, Stoffwechselstörungen; chronisch: Schädigung der Knochen (skelettale Fluorose) […] Bei Augenkontakt muß mit schweren, evtl. irreversiblen Schädigungen an Binde- und Hornhaut sowie im Augeninneren gerechnet werden. An der Haut sind, verstärkt in Verbindung mit Feuchtigkeit, tiefreichende, schlecht heilende Ätzwunden zu erwarten. Besonders gefährlich ist hierbei, daß die Schädigung und der typische Tiefenschmerz erst nach längerer Latenz bemerkbar werden können, wenn HF bereits in tiefere Gewebe penetriert ist und auch dort Schädigungen verursacht hat.)… gerne mal reinlesen!

Wie wurde uns doch so schön im Studium eingetrichtert: Kein Essen im Labor, und keine Chemie in der Küche/Wohnung. Das halte ich auch heute noch für sinnvoll, auch wenn ich dafür einige wirklich reizvolle Trends mal nicht mitmachen kann.

Wer bis hierher mitgelesen hat, sollte jetzt in der Lage sein, informiert zu entscheiden, ob selbst geätzte Gläser toll genug sind, die ganzen möglichen Gefahren in Kauf zu nehmen, oder ob es nicht vielleicht doch die Glasdeko-Farbe oder die Dekofolie tun, die zwar vielleicht nicht so haltbar sind, aber auf jeden Fall nicht aus so gesundheitlich bedenklichen Substanzen bestehen. Und wer trotz allem ätzen mag, ist nun zumindest informiert über mögliche Gefahren und dadurch vielleicht deutlich vorsichtiger als vorher.

Und nachdem ich den Beitrag bis hierher fertig hatte, und mir noch nicht ganz sicher war, wie das denn mit dem Verkauf der Paste über das Internet oder überhaupt in Deutschland ist, konnte ich vom MAGS mitgeteilte Informationen für eine weitere Informationssammlung nutzen. Daher möchte ich hier gerne doch noch ein paar Worte anfügen, da ich die Tatsache, dass auch das Ministerium ABF sehr streng eingestuft, und es Verkaufseinschränkungen für den Stoff (und Mischungen, die diesen Stoff enthalten) gibt, für die Diskussion um die Verwendung der Pasten „unter Haushaltsbedingungen“ für wichtig halte.
Aufgrund der Gefahrstoffeinstufung von ABF darf in Deutschland der Stoff nur von einem Händler verkauft werden, der dafür eine spezielle Erlaubnis hat (die durch einen Sachkundenachweis erworben werden muss), und der vor dem Kauf den Erwerber über die mit dem Verwenden des Stoffes verbundenen Gefahren, über die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen beim bestimmungsgemäßen Gebrauch (und für den Fall des unvorhergesehenen Verschüttens oder Freisetzens) sowie über die ordnungsgemäße Entsorgung informiert. Die erwerbende Person muss mindestens 18 Jahre alt sein. Die Identität des Käufers ist zu erfassen und zu dokumentieren und der Versand sowie die Selbstbedienung sind verboten.
Dies gilt nach Anlage 2 zu §§ 5 bis 11 der Chemikalienverbots-Verordnung, da ABF mit dem Gefahrenpiktogramm GHS06 (Totenkopf mit gekreuzten Knochen für „Gift“) zu kennzeichnen ist.
„Um die Gesundheit der Verbraucher und die Umwelt zu schützen, gelten für bestimmte gefährliche Chemikalien besondere Verbote und Beschränkungen. Der Handel mit Chemikalien einschließlich Internet- und Versandhandel unterliegt dem europäischen und nationalen Chemikalienrecht. […] Insbesondere muss das Angebot eines gefährlichen Stoffes oder Gemisches im Internet die folgenden Angaben enthalten, die direkt und nicht über einen Link auf andere Seiten verfügbar sein müssen:

  • H-Sätze
  • Gefahren-Piktogramme
  • Signalwörter
  • Sofern zutreffend, zusätzliche Gefahreninformationen.

Ein Bild des Produktes, auf dem das Kennzeichnungsetikett und die Gefahrenkennzeichnung eindeutig erkennbar sind, wird ebenso akzeptiert, sofern die notwendigen Informationen enthalten sind.“ (https://www.mags.nrw/handel-mit-chemikalien , https://www.gesetze-im-internet.de/chemverbotsv_2017/anlage_2.html )

Da Versand und Selbstbedienung bei der Paste explizit verboten sind, ist es quasi schon fast nebensächlich, dass die übrigen Vorschriften in der Regel bei den Angeboten im Internethandel auch nicht eingehalten werden. (Fehlende Aufklärung über die Gefahren, keine Feststellung des Alters des Käufers, keine Identitätserfassung, keine Angabe der H-Sätze (das sind Gefahrenhinweise wie: H 314 – Verursacht schwere Verätzungen der Haut und schwere Augenschäden), keine Gefahrenpiktogramme (Totenkopf mit gekreuzten Knochen für „Gift“ sowie das Piktogramm für „Ätzwirkung“, also Zerstörung lebenden Gewebes und bestimmter Oberflächen), fehlendes Signalwort „Gefahr“, die Warnhinweise – wenn überhaupt gezeigt – lediglich in englischer Sprache auf dem Behälter.)

Bei von der zuständigen Überwachungsbehörde in Internetauktionshäusern gefundenen Angeboten von Chemikalien oder Chemikaliengemischen, die der Chemikalienverbotsverordnung unterliegen und nicht den Vorgaben entsprechen, wird in der Regel sofort die Löschung veranlasst. Bei Angeboten aus dem Ausland wird eine Mitteilung an die betroffenen Staaten veranlasst. (Bericht Internethandel) Beim Großteil der Angebote von ABF handelt es sich anscheinend um „illegale Importe“, die den Regelungen in Deutschland nicht entsprechen. Dies ist vermutlich oft nicht einmal den Anbietern bekannt, geschweige denn den Käufern. „Viele User sehen das Internet als rechtsfreien Raum in dem auch die verschiedensten chemischen Produkte angeboten und bestellt werden können. Darunter findet man auch Chemikalien, deren Verkauf aufgrund ihrer Gefährlichkeit für die Verbraucher/innen und die Umwelt entweder verboten ist, oder nur unter bestimmten Voraussetzungen erfolgen darf.“ (Versand und Internethandel)

Die Bezirksregierung Münster ist eine der Behörden, die in einem arbeitsteiligen Behördenverbund verschiedener Bundesländer gezielt Internethandel mit Chemikalien überprüft, um die Gesundheit der Verbraucher und die Umwelt zu schützen. Alle Angebote von Glasätzpaste, die jetzt noch im Internet zu finden sind, können an die Adresse Ueberwachung.Chem@bezreg-muenster.nrw.de gemeldet werden.

Danke für Eure Aufmerksamkeit, Hut ab, dass Ihr bis hierher gelesen habt! Das ist dann doch eine Menge Text geworden, und hat deutlich länger gedauert als ich dachte. Aber es war auch alles sehr interessant und ich hoffe, es war nicht zu langatmig zu lesen.
Und falls mir jemand belegen kann, dass meine ganzen Überlegungen hier total übervorsichtig und daher überflüssig sind: Ich würde mich freuen! Echt. Also in dem Fall gerne her mit Literatur und Quellen. Ich bin auch nicht allwissend, und lerne immer gerne dazu. Ich hätte auch lieber herausgefunden, dass meine Bedenken total überzogen sind.
Aber ich denke mal, die Grundaussagen, die ich hier getroffen habe, sind zutreffend, und können höchstens durch ein „wird schon nicht so schlimm sein, das bisschen, was ich da benutze“ entkräftet werden. Und nachdem auch die rechtlichen Vorschriften „auf meiner Seite stehen“ beende ich hiermit meine Arbeit an dem Thema und überlasse die Entscheidung, ob Ihr die Pasten nutzen wollt oder nicht, Euch. Ich hoffe, meine Recherchen zum Thema sind dabei hilfreich, und für mich zumindest ist die Entscheidung klar.
Glas ätzen – lieber nicht!

Eure

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